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Wir sind in Kopenhagen, es ist Sommer

„Bitte sitzen Sie sich, der Brücke ist tief“, sagt die kleine dänische Meerjungfrau in ihr Mikrofon, bevor wir mit dem Schiff unter der Brücke hindurchgleiten. „Overgaden neden vandet“ und „Overgaden over vandet“ heißen die Kopfsteinpflasterstraßen links und rechts, „und links sehen wir jetzt den gewindelten Turm der Erlöserkirche“, meint das blonde Mädchen.

 

Wir sind in Kopenhagen, es ist Sommer, und das Schiff ist voll besetzt und offen. Eine gute Stunde braucht das Hafenrundfahrtschiff zur Kleinen Meerjungfrau, durch den Christianshavn-Kanal und rund um Kopenhagens historisches Zentrum Slotsholmen. Drei Reedereien stehen zur Auswahl, die am besten gelegene verlangt 50 Kronen, 100 Meter weiter vom Kopfende des Nyhavnkanals kostet es nur noch 30 Kronen, und vor der Börse am verkehrsreichen Holmenskanal nur noch 25 Kronen. In jedem Fall ein gelungener Start für eine Besichtigung der dänischen Hauptstadt, so kann es weitergehen. 

Abzuraten ist von einem Einkaufsbummel auf der Stroeget, denn alles hier Erhältliche ist auch in jeder anderen Stadt erhältlich. Parallel zur berühmten Fußgängerzone findet man dagegen schnell Beweise für den fröhlichen Optimismus der Kopenhagener: Im nördlichen Univiertel Latinerkvarter und im südlichen Straßenverlauf Straedet häufen sich die abenteuerlichen Geschäftsideen der talentierten dänischen Unternehmerjugend.

Die Altstadt weist eine sehr hohe Dichte an Attraktionen auf. An erster Stelle stehen natürlich die königlichen Schlösser. Eine deutlich ältere Führerin als zuvor erklärt humorvoll die königlichen Pop-Gobelins in Schloss Christiansborg. Das Volk schenkte sie Margrethe II. zum 60. Geburtstag, und der dänische Künstler Bjoern Noergaard hat mit den Mitteln der Kollekte 20 knallbunte Wandteppiche produziert, die die dänische Geschichte von der Wikingerzeit bis zu dem Augenblick illustrieren, als ein ganzes Volk landesweit den entlaufenen Dackel der Königin suchte. Immer wieder fängt Noergaard den Blick der Betrachter durch ein „Loch in der Zeit“, so grinst zum Beispiel Kermit der Frosch aus einem mittelalterlichen Schlachtentableau. 

Um 12 Uhr ist Zeit für den Wachwechsel auf Schloss Amalienborg. Also schnell die dickste dänische Münze gezückt und eines der 2.500 Gratisfahrräder entliehen. Sie stehen an 125 Stationen der Altstadt bereit, und die 20-Kronenmünze erhält man zurück, wenn man es wieder anschließt. Die von Sponsorenwerbung strotzenden Räder sind zwar vollgummibereift und knüppelhart, aber auf den breiten Radwegen, die wirklich ganz Kopenhagen durchziehen, kommt man schnell voran.

 

Wenn man Glück hat, und die Königin in der Stadt weilt, wechselt die bärenfell-bemützte Garde mit Marschmusik, aber auch ohne Täterä ist der zackige Wachwechsel sehenswert. Man ahnt, welcher Schauder den „almindeligen“ Dänen ergreift, wenn er alljährlich zu Tausenden zum Geburtstag seiner kettenrauchenden Monarchin huldigt, die sich den Gratulanten einmal sogar in ihrem Morgenmantel hoch erfreut auf dem Balkon von Amalienborg gezeigt hat. Die Kronjuwelen des Märchenschlosses Rosenborg sind vielleicht nur etwas für royalty-interessierte Leserinnen von Frauenillustrierten, doch der 200 Meter lange Wendelgang auf den Runden Turm, den schon der russische Zar Peter der Große hochgeritten sein soll, strengt kaum an, und der Blick über die Altstadt auf die Öresundbrücke entschädigt für alle Mühen.

Eine kurze Fahrt mit der neuen Metro gehört – auch wenn es eigenartig klingen mag – zum Sightseeing-Pflichtprogramm, und wenn es nur gilt, einmal mit der Rolltreppe in die kühlen unterirdischen Glaspaläste der Stationen hinabzufahren. Am Kongens Nytorv und am Christianshavn etwa ist es den Lichtdesignern gelungen, Tages- und Kunstlicht mittels Glaspyramiden auf Straßenebene und hypermodernen Parabolspiegeln computerberechnet so in die Haltestelle zu lenken, dass man meinte, in einem Konferenzsaal zu stehen, wenn sich da nicht alle anderthalb Minuten wie von Geisterhand die Seitentüren öffnen und den Weg zu führerlosen Metrozügen öffnen würden. 2007 wird die Metro bis zum Flughafen fertig gestellt sein, dann kann der Passagier so0gar bis zur künstlichen Copacabana, dem drei Kilometer langen Amager Strandpark fahren, oder bereits jetzt zum Einkaufszentrum Field’s in die ambitionierte Zukunftssiedlung Örestad.

Apropos Baden: Mitten in Kopenhagen kann der müde Fußgänger in den Hafen springen: Zwei öffentliche Badeanstalten bei Islands Brygge und am Fisketorvet laden seit 2003 zum erfrischenden „Dykkert“. Aber welcher Städtetourist hat schon Badezeug dabei? Also lieber die müden Beine bei einem kühlen „Oel“ an der längsten Freilufttheke Skandinaviens ausruhen. Am Nyhavnkanal stehen die Cafétische über einen halben Kilometer, und wer keinen mehr abbekommt, setzt sich einfach auf die Kaimauer. Eine andere Möglichkeit, den Tag ausklingen zu lassen, ist der Tivoli. Der nostalgische Lustgarten wandelt sich nur langsam, immer noch dominieren herrlich altmodische Jahrmarktsbuden, romantische Fahrgeschäfte wie der „flyvende Kuffert“, wo man in großen Koffern durch Andersens Märchen gefahren wird, oder das Pantomimentheater. „Margrethe har tegnet kostymerne“ weiß das kleine blonde Mädchen vor uns seiner Mormor zu erzählen (die Königin hat die Kostüme entworfen). Man muss nicht dänisch können in Kopenhagen, man muss nur die Augen aufhalten und träumen.