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Der Rothaarsteig ist 154 Kilometer lang und bis zu 840 Meter hoch. Sein Weg führt vom Ort Brilon im Sauerland bis Dillenburg am Fuße des Westerwaldes.
Er führt die Wanderer zu Bäumen, deren Kronen den Himmel zu berühren scheinen, durch beinhohe Gras- und Farngewächse, vorbei an Moorflächen und Quellen. Zahlreiche Aussichtspunkte öffnen den Blick über diese reizvolle Mittelgebirgslandschaft. Sperlingskauz, Fledermaus und Eichelhäher sind hier zu Hause. Der Wald strahlt Ruhe aus, ist ruhig. Die Pflanzenvielfalt sorgt dafür, dass man stets Neues entdeckt. Die Natur beginnt die Gedanken zu beherrschen, den Alltag abzustreifen und bringt den Menschen dazu, sich einfach nur wohl zu fühlen.
Stundenlang streift man allein durch dieses wunderbare Stück Natur, nur das weiß liegende "R" auf rotem Grund sagt, dass man auf dem richtigen Weg ist.
Hier und da weisen Tafeln auf die Besonderheiten von Flora und Fauna hin. Um die Entdeckungslust der Wanderer zu stillen ohne die Natur zu stören wurden kleine Holzstege errichtet. Auf diese Weise können Echsen, Moorpflanzen oder Einzeller aus nächster Nähe begutachtet werden. "Wenn Sie zu tief einatmen, kann es sein, dass Sie ´ne Sauerstoffvergiftung kriegen!". Wie bitte? Diethard Altrogge heißt der Mann, der lächelnd verschmitzt das stehende Sonnenbad so unerwartet unterbricht. Wie aus dem Bilderbuch steht er da, in Forstuniform, mit Hund Max und einem freundlich interessanten Gesicht. Er ist Leiter des Forstamtes Hilchenbach, eines der fünf Forstämter am Rothaarsteig.
Sein Leben ist der Wald. Jede Pflanze scheint er zu kennen, schaut zufrieden durchs Revier, begutachtet die Arbeit seiner Förster und freut sich über Blüten und neue Sprösslinge.
Im Süden Nordrheinwestfalens inmitten der Tourismusregion Siegerland-Wittgenstein liegt Hilchenbach. Wo einst die Nibelungen kämpften, wo tausende Fuhrwerke den Steinbelag der historischen Handelsstraßen festfuhren, um Holzkohle ins Siegerland zu bringen und Eisenprodukte bis nach Venedig und Holland, da gibt heute der Waldboden unter den Wanderschuhen wohltuend nach, da spricht der Wald mit dem Hörenden und zeigt dem aufmerksamen Auge so manche Einzigartigkeit der Natur.
Im Siegerland-Wittgenstein entspringen Eder, Lahn und Sieg. Das Ederquellgebiet ist ein Moor. Die Ederquelle eine Sickerquelle. Daneben grüne Wiesen und wieder Wald. Ein Hochstand neben der Wiese. "Nur zweimal im Jahr ist hier Jagd, dann hat der Wald, haben die Tiere wieder Ruhe." Der Forstamtsleiter weiß um die Gratwanderung zwischen Wildbestand, Jägerlust und Pflanzenschutz. Er zeigt beschädigte Baumrinde, aber auch von Wildschweinen freigesuhlte Flächen, in denen der Nachwuchs der gewaltigen Bäume sich zum Licht streckt. Zurückblickend auf den Hochstand fällt ihm ein, wie er diesen touristisch nutzen könnte, aber dann verwirft er diesen Gedanken wieder. Max hat inzwischen im Edermoor gebadet. Er soll sich trocken laufen, riecht so weggeschickt Reh oder Hasen und kommt ohrenhängend zurück.
Mitten auf einer Weggabelung dann ein großer Stein. Hier entspringt die Ederquelle. Einst war sie zubetoniert. Der Stein soll daran erinnern. Damals war Holznot. Die Förster haben über 50 bis 60 Jahre das Moor entwässert und Fichten angepflanzt.
"Hierher geh ich deshalb so gern, weil sie mir fast einmal meine Stelle gekostet hätte." Und dann erzählt Diethard Altrogge die Geschichte von der Renaturisierung der Ederquelle. Sechsundzwanzig Jahre ist es her. Wer zur Quelle will muss gegen den Strom schwimmen, dachte er sich, und begann die Quellfassung zu bereinigen, zu „entbetonieren“. Die Fichten wurden rausgenommen und sofort hat sich die natürliche Bestockung eingestellt, Birken und die an Fließgewässern wurzelnden Erlen wuchsen. In dieser Zeit wechselte der Direktor von Dr. Herzig zu einem Herrn Stötzel. "Dieser Herr Stötzel konnte es überhaupt nicht vertragen, dass er nicht gefragt war und dann ging er mir disziplinarisch an den Kragen. Ich hatte aber einen guten Minister damals, der hat das dann gerade gestellt und damit war die Ederquelle berühmt."
"Dann haben wir noch eine sehr schöne Quelle vom lieben Gott gekriegt." Ein Gras wurde gefunden, welches keiner kannte. Das Forstamt schickte es zur Bestimmung an die biologische Bundesanstalt nach Berlin. "Das könnt ihr nicht im Rothaargebirge gefunden haben. Das ist schon seit vielen hundert Jahren ausgestorben." Da hatte das Gras also gewartet, gewartet das der Beton wegkommt, damit die Natur zu ihrem Recht und jetzt wächst es wieder. 180 Arten Blütenpflanzen wurden von der Universität bestätigt. Diethard Altrogge hatte mit zwanzig bis dreißig gerechnet. Das Ederquellgebiet ist in seinem heutigen natürlichen Sein ein "ganz ganz wesentlicher Baustein der Waldkultur".
Der Wald will den Forstamtsleiter wieder für sich und den Wanderer weiter verzaubern. Der Weg führt durch Mischwaldgebiete, deren etwa zwanzig Jahre alte Laubhölzer, von Menschenhand behutsam gesteuert, ihren Platz neben den Nadelhölzern behaupten, vorbei an zum Trocknen abgelagertem Holz.
Bei den ersten Ermüdungserscheinungen kann man sich auf einer der Rotharrsteigliegen ideal entspannen. Wie das "R" vom Rothaarsteig geformt sind sie und stehen auf Lichtungen und Rastplätzen als Einzel- und Doppelliege, neben Rastbänken und Baumstumpftischen. Hier lässt es sich wunderbar relaxen, in den Himmel träumen, den Wald belauschen und alles um sich herum vergessen.
Den Weg zurück zum Hotel findet man über die gut platzierten und ausreichend beschilderten Wegepfeile. Alternativ besteht die Möglichkeit, sich an einem vereinbarten Ort abholen zu lassen.
Snorry und der Müller Weber
Am Rothaarsteig im Siegerland-Wittgenstein soll es in den Höhenlagen Plätze geben, an denen es 200 Tage im Jahr neblig ist. Doch Sonne und Regen wechseln sich hier wie allerorts ab. So ein Tag, an dem der warme Sommerregen auf die Haut nieselt, eignet sich hervorragend für einen Reitausflug in und durch die Wälder.
Wer kein eigenes Pferd mitbringt kann sich nach einem kurzen aber strengen Kontrollritt eines der "Isländer" ausleihen. Erfahrene Wanderreiter begleiten einen gern durch Wald und Dörfer. Wer nicht reiten kann, kann sich ein Rad ausborgen oder sich in einer Kutsche chauffieren lassen. Die Erkundung der Landschaft, das Kennenlernen der Einheimischen und die damit verbundenen Erlebnisse sind in jedem Fall garantiert.
Snorry hat noch keine Erfahrung mit fremden Reitern. Auch mag er weder viele Menschen noch blitzende Fotoapparate. Ein paar beruhigende Worte ins Ohr geflüstert, den Waldweg versprochen und ab und zu eine Rast überzeugen Snorry vom geplanten Ritt. Die frische feuchte Luft saugt sich in die Lungen. Über Wiesen und Waldwege zu traben entspannt. Die Dörfer sind sich sehr ähnlich. Überall Fachwerkbauten, teils sehr alt. An deren Fassaden stehen mit weißer Schrift auf dunklem Holz jeweils der Eigentümer, das Baujahr und die letzte Modernisierung. Die Menschen sind eher still, schauen einen schweigend an, entpuppen sich aber bei näherem Kontakt als sehr zuvorkommend und gastfreundlich. Jederzeit zu einem Tipp bereit, eine Geschichte erzählend und die eigene Produktion zeigend. Im Siegerland-Wittgenstein scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auf eine wunderbare Weise. Kleine Rinderfamilien stehen auf jeder fünften Wiese. Kleine Traktoren warten in der Scheune auf den Einsatz. Ein Bauer verkauft frische Milch, der andere Ochsenfleich, der Nachbar Kartoffeln, jener Marmelade und dieser Holzkohle.
So gibt es auch drei Währungen: Mark, Euro und "Ochse, Kartoffel oder Mehl".
In Nenkersdorf dreht sich unermüdlich das Wasserrad der noch intakten Wassermühle. Hier wird tatsächlich noch Mehl gemahlen. 4 Mark der Zentner. Ab 4 Zentner wird der Müller tätig. Die Nenkersdorfer Mühle wurde im 13. Jahrhundert das erste Mal urkundlich erwähnt. Heute steht sie unter Denkmalschutz. Im Erdgeschoß reihen sich uralte Stühle um zwei zum Tisch erklärte Mühlensteine. Neben der Auffangvorrichtung für den Schrotsack ein Spruch: "Solange Mühlen stehen, so lange Menschen sind. Werfen Mühlenräder gehen, durch Wasser, Dampf und Wind."
Die Brüder Friedhelm und Manfred Weber haben die Mühle erst vor Kurzem wieder hergerichtet. Im "Mühlenstübchen" steht der Dank des Landes auf einer Urkunde. Vorbei an Mühlenkran, Getreidesäcken, Mühlensteinen und Walzenstuhl findet man Manfred Weber. Er sitzt bewegungs- und lautlos da, als wäre er ein Stück Einrichtung. Er schaut einen an und sagt kein Wort. Ein alter erfahrener Mann. Er wartet wohl auf eine Wandergruppe. Auf den Tischen im Mühlenstübchen stehen Kaffeekannen, Brot- und Kuchentabletts. Es sieht aus, als ob er darüber nachdenkt, weshalb die Menschen in seiner alten Mühle eine Rast machen wollen. Auf alten Stühlen, eng beieinandersitzend und durch die kleinen alten Fenster hinausschauend. Urgemütlich ist es hier.
Das Brot auf dem Tisch wird vom Bäcker aus seinem Mehl gebacken. Ebenso der Kuchen. Das Getreide für das Mehl kommt vom Bauern nebenan. Das Fleisch für die Wurst vom anderen Nachbarn. Die deftige schmackhafte Wurst hat die Frau selbst gemacht. Für den Müller Weber alles selbstverständlich. Deshalb wohl kommen die Touristen hier vorbei. Auf die Frage, weshalb er nicht Müller heißt, reagiert Manfred Weber typisch wittgensteinerisch und beweist anhand von Fotos und Urkunden, dass die Mühle seit ewig Familienbesitz ist.
Dann lockt wieder der Wald, vorbei an kleinen Quellbächen, hinauf auf die Kammwege ohne größere Auf- und Abstiege, unter die riesigen Bäume.
Ein Naturschauspiel der besonderen Art ist das Dampfen des Waldes. Gut das es geregnet hat. Die Sonne hat sich noch nicht durchgesetzt, zieht aber schon wieder das Wasser. Man möchte stehen bleiben und sich satt sehen, aber das muss man nicht, hinter dem nächsten Hügel bietet sich ein noch schönerer Ausblick. So scheint es endlos weiterzugehen. Der Naturpark Rothaarsteiggebirge ist Bestandteil des wohl größten zusammenhängenden Waldgebietes Deutschlands. Er ist geheimnisvoll, wildreich und wunderbar einsam. So ist es nicht verwunderlich, dass es aufgrund der Eröffnung des Rothaarsteiges im letzten Jahr mehr als 6.500 zusätzliche Übernachtungen allein in die Region Siegerland-Wittgenstein gegeben hat. Dabei steckt der Tourismus hier noch fast in den Kinderschuhen. Überall wird mit viel Kreativität Neues angeboten, wird vorhandenes Brauchtum aufgearbeitet, wird die Einzigartigkeit herausgestellt, auch wenn man hier und da schon mal durch die Küche in den "Gastraum" gelangt.
Aber auch Spitzengastronomie wird geboten. Im Landhaus Doerr beispielsweise legt man im Gegensatz zu der vielerorts vorzufindenden Ursprünglichkeit Wert auf Niveau und Service. In angenehmen Ambiente wird man fachlich kompetent bewirtet, kein Fehler schleicht sich ein, man wird umsorgt und die Speisen sind exzellent zubereitet. Im frei zugänglichen Restaurant trifft man weniger die Wandersleut, eher die Geschäftswelt der Umgebung und die Wellnessgäste des Hotels.
Nach so einem Tagesritt tut die Blütensauna gut. Im Blütenbaddampfbad herrscht eine Temperatur von 42 bis 45 Grad Celsius, erzeugt durch milde Strahlungswärme. Der Dampf ist mit Duftstoffen angereichert die je nach Wahl unterschiedlich auf den Körper wirken. Das Blütenbad, eine besondere Form des Dampfbades, bedeutet Entspannung in einer phantasievollen Umgebung. Atemwege werden frei, Haare und Haut intensiv gepflegt, der Körper besser durchblutet und entschlackt. Giftstoffe werden dank der erhöhten Schweißproduktion vermehrt ausgeschieden, was die im Körper stattfindenden Heilprozesse fördert. Nach einem kalten Tauchbad ruht es sich, mit herrlichen Ausblick über Feudingen und die Waldgipfel, auf den Ruheliegen des Wellnessbereiches, völlig relaxt.
Das Forstamt wacht über 70 Prozent der Fläche, den Wald
Im Siegerland-Wittgenstein kann man sich – seiner Kondition entsprechend – von den Mitarbeitern individuelle Wander- und Erlebnistage zusammenstellen lassen. Für Unterkunft, Gepäcktransfer, Wanderführer und Verpflegung wird bestens gesorgt.
Auf einer der Ruheplätze trifft man so schon mal eine Wandergruppe. Schnell ist man zum Picknick eingeladen. Leckeres Kartoffelbrot wird gereicht, dazu gesundes Mineralwasser. Die Truppe ist guter Laune. Einige philosophieren darüber, weshalb die Förster bei Frauen so beliebt sind. Die Meinungen sind vielfältig, weil er nie zu Hause ist, oder so ausgeglichen die heimischen Räume betritt, weil nur der Förster wird der die Natur liebt und das muss ein guter Mensch sein, einer mit Seele, und noch viel mehr. Der dazukommende Förster schmunzelt. Diethard Altrogge, der Forstamtsleiter persönlich, begleitet die Wanderung.
Der Kreis Siegen-Wittgenstein ist zu 70 Prozent bewaldet. Das Forstamt ist hier Behörde. 1970 wurde es zur unteren Forstbehörde erhoben. Ohne dessen Zustimmung darf weder ein Traktor in den Wald noch können Flächennutzungspläne erstellt, geändert oder eben Wanderwege freigegeben werden.
In Wittgenstein gibt es noch fürstliche Wälder. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Bodenreform drohte, schickte ein intelligenter Forstamtsleiter aus Berleburg die anmutig reizvolle Fürstin Margarete zum Bundespräsidenten, Herrn Lübke. Der Fürstenwald war erlöst. Die Bodenreform kam nicht. Das Großeigentum blieb ebenso wie der übrige Wald erhalten. Fürstin Margarete lebt noch heute und genießt großes Ansehen.
Diethard Altrogge will den Prinzen und Prinzessinnen nicht zu nahe treten, aber er redet von Katastrophenwirtschaft, wenn die Fürsten im so genannten "Altersklassenverfahren" nur eine einzige Baumart pflanzen, um diese dann nach 50 bis 80 Jahren in riesige Kahlflächen zu verwandeln. "Holz ist Produkt und Produktionsmittel in einem. Wenn einer seine Fabrik zerstört, also einen Kahlschlag macht, dann ist das unternehmens- und managementmäßig völlig grober Unfug. Aber so ist über Jahrhunderte hier so gewirtschaftet worden. Allmählich findet Einklang in die Fürstenhäuser, dass anders gewirtschaftet wird." Wohl auch, weil das Waldgesetz Nordrheinwestfalens Kahlschläge nur noch bis zwei Hektar zulässt.
Der Staatswald zu Hilchenbach ging einst durch eine Laune beim Wiener Kongress während des Tanzes an Preußen. Diesen und die Privatwälder bewirtschaftet das Forstamt. Hier werden die Bäume bis 200 Jahre alt. 90 Prozent des Ernteholzes wächst zwischen 100 und 200 Jahren. So werden nur drei bis vier, statt zwanzig Bäume pro Hektar und Jahr gefällt. Mischwald wurde und wird gekonnt wieder forciert, edle Baumarten vorsichtig erneut angepflanzt, das natürliche Nachwachsen des Baumbestandes gesichert, die Diversität erhalten und damit dieser Wald zum Märchenwald zurückgeholt.
Etwa 9.000 private Eigentümer haben Ihre Wälder den Förstern anvertraut. Das Land subventioniert die Erhaltung und Verbesserung seines Schatzes Wald. Die privaten Waldbesitzer zahlen nur etwa eineinhalb Euro pro Hektar und Jahr an das Land, wohingegen der Forst rund einhundertzehn Euro vom Land erhält. "Billiger kriegen wirs nicht, sagen die bäuerlichen Waldbesitzer, und außerdem sind im Forstamt Hilchenbach ausschließlich nette Förster." Wenn alle so sind wir ihr Chef, dann stimmt das wohl.
Das „erzeugte“ Holz wird bis nach China exportiert und damit Gewinn erzielt. Vor allem aber ist es für den Menschen ein Erlebnis, durch diesen gesunden Wald zu wandern.
Die Gruppe möchte in eines der mit Zäunen geschützten Gebiete. Die Zäune haben Klappen, für die Wildschweine. Zu Beginn werden sie angefüttert, dann finden die Wildschweine die Klappen von allein, wühlen den Boden auf und sorgen dafür dass junge Pflanzen sprießen können. Diethard Altrogge zeigt, von welcher Qualität seine Baumpflanzen sind. Er zieht einen etwa ein Meter jungen Baum aus der Erde, macht einen Knoten in den Stamm, um ihn dann wieder zu öffnen. Das Bäumchen streckt sich von selbst wieder, steht einfach auf, als wenn nichts gewesen wäre. Nur so könne der Wald die Stürme und die Schneelast ohne Schaden verkraften, sagt Altrogge und amüsiert sich über die verdutzten Gesichter.
Der Köhler und die goldenen Hände vom Landhaus Doerr
Vor dem Frühstück ein paar Bahnen im hoteleigenen Pool des Wellnessbereiches zu schwimmen erfrischt, macht munter und erlebnislustig.
3.500 Kilometer Wander- oder Reitwege laden ein, Natur pur, frische Luft, Tradition, Brauchtum und Kultur zu erleben. Überall stehen kleine Dorfkirchen, Höfe, Gasthäuser, Pensionen und Privatquartiere zur Verfügung. Wer auf das "R" am Eingang achtet, weiß, dass ein gewisser Service garantiert ist. Dazu zählen unter anderem: Transfer des Gepäckes zum nächsten Wanderort, ausführliches Informationsmaterial über die vielfältigen Wanderangebote, auf Wunsch kompetente Wanderführung, Verleih und Verkauf von Wander- und Heimatliteratur, Säuberungs- und Trocknungsmöglichkeiten für Schuhe und Kleidung, regionale Küche mit heimischen Produkten und individuelle Lunchpakete. Ab 15,50 Euro kann man übernachten, inklusive Frühstück natürlich. Eine Übernachtung im Wellnesshotel ist mit etwa 65 Euro zu veranschlagen. Die Mehrzahl der Angebote pendelt sich auf mittlerem Niveau ein.
Direkt am Rothaarsteig befindet sich das kleine Dorf Großenbach. Hier freut man sich über den sich entwickelnden Tourismus. Da werden die alten Bauernhäuser zu Ferienwohnungen ausgebaut. Heubaden könnte man ja auch anbieten. Wird aber nicht genehmigt, wegen dem Brandschutz. Der Bauer führt durch seinen Hof, erklärt den Kreislauf seiner Arbeit und weiß eigentlich nicht so richtig, was das mit dem Öko soll. War doch schon immer so. Wenns jetzt dafür Geld gibt, bitte, immer willkommen.
Die Isländer Pferde stehen hier auf der Koppel. Daneben eine Ochsenweide. Die Tiere freuen sich über den Besuch des Bauern Hackler. Die Tiere brauchen zwei Jahre, bis sie ausgewachsen sind. Im Mastbetrieb erreicht so ein Ochse schon nach einem Jahr sein Schlachtgewicht. Nein, Namen gibt er seinen Tieren nicht und schlachten kann er auch nicht selbst. Das bringt er nicht über sein Herz, was ihn noch sympathischer macht. Anneliese Hackler bereitet indes einen wohlschmeckenden Ochsenbraten zu. Dazu gibts Kartoffeln und Krautsalat mit Speck.
Ein Nachbar, der zufällig vorbeischaut, erhält ein Glas selbst gebrannten Likörs. Und Frau Hackler erzählt aus ihrem Leben, frisch, mit ihrem runden gesunden Gesicht lachend. Von Arbeit keine Spur. Nur Frohsinn, Reisen in ferne Länder, Männer und was sie noch alles vorhat mit den, ihren Rothaarsteig-Touristen.
Weiter geht es, an der Siegquelle vorbei, auf einem Zugangsweg. Dieser ist mit einem schwarzem "R" auf gelben Grund gekennzeichnet. Man kommt nach Walperdorf.
In Netphen-Walpersdorf wird seit 2.500 Jahren die Köhlerei gepflegt. 1344 wurde Walpersdorf erstmals urkundlich als Meilerdorf erwähnt. Von Frühjahr bis Herbst "brennt" fast immer ein Meiler, die meisten mit einem Querschnitt von sieben bis acht Metern am Boden. Die exakte Größe richtet sich nach der Schuhgröße des Köhlers, denn es wird in Füßen abgemessen. In der Mitte ist er zwei Meter hoch. Zweilagig rundherum aufgebaut, kommt er auf 55 Kubikmeter Holz. Dann hackt der Köhler Rasen und bedeckt den Meiler damit, wobei das Grüne nach innen, die Wurzeln nach außen gelegt werden. Drei Tage lang dann wird Glut in den mittigen Schacht gefüllt, Deckel drauf und abgewartet, dass es beginnt wie Essig zu riechen. Ist es soweit werden gezielt Zuglöcher geschaffen. Die Verkohlung beginnt. Etwa 13 Tage dauert es, bis das Holz durchgekohlt ist. Von oben nach unten arbeitet sich die Hitze von 270 bis 330 Grad Celsius vor. Alle paar Stunden – egal ob während des Tages oder während der Nachtstunden – bschaut der Köhler bei seinem Meiler vorbei, um allenfalls Zuglöcher zu wechseln. Bruno Wagner sagt: "Wer einen guten Schlaf hat ist ein schlechter Köhler." Seine Holzkohle soll für ganz besonders schmackhaftes Grillgut sorgen, weil es aus heimischen Eiche- und Buchenholz gefertigt wird, das Gras und die Luft spezielle Würze abgeben und weil es eben langsam koksen darf. Probieren ist nicht möglich. Die Holzkohle wird nicht an Fremde verkauft.
Etwas anstrengend war das wandern schon. Der Körper sehnt sich nach Entspannung. Eine Massage wäre jetzt das Richtige. Jürgen Busch, der Masseur im Landhaus Doerr, weiß um die Wünsche seiner Kunden. Er massiert den ganzen Körper. Selbständig ist er, schon seit 10 Jahren. Die Erfahrung spürt man. Seine Hände wissen zuzugreifen, aber auch sanft über die Haut zu gleiten. Und nett ist er, versteht an den Reaktionen was einem gut tut. Ewig könnte man hier liegen bleiben. Jürgen Busch freut sich, wenn er die totale Entspannung des Körpers erreicht hat. Fragt sich, wer sich hier wohler fühlt.
Ein Besuch im Aromaraum und ein kurzes Bad im warmen Whirlpool runden den Tag ab. Im Bademantel zum Zimmer, auf dem Balkon noch ein Glas Sekt, einen abendlichen Blick zu den Wäldern rundum und dann einfach und von frischer Luft umgeben eingeschlafen.

