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Hull - eine Stadt die überrascht

Die Stadt Hull befindet am äußersten östlichen Rand Großbritanniens. Auf den ersten Blick könnte man sie fast übersehen. Und doch ist sie irgendwie bemerkenswert. Eine englische Kleinstadt mit gemütlichen Ecken, mehr Historie als mancher ahnt und der einen oder anderen Überraschung. Die Stadtväter haben sich aufgemacht, Hull in moderne Zeiten zu führen und dabei Altes nicht aus den Augen zu verlieren. Nicht mehr nur Durchgangstor nach England oder Europa will man sein, sondern eine Reise wert.

 

Ein Tor nach Europa war die Stadt schon, so lange man zurückdenken kann. Der wichtigste Weg nach Hull war der Seeweg. Auch heute reist man mit der Fähre an. Oder man benutzt den lokalen Flughafen Humberside Airport. Oder aber man reist mit dem Zug aus London an. Diese Art der Anreise führt unter dem Humber Bridge Bogen hindurch, der einst längsten Hängebrücke der Welt, direkt ins Zentrum der Stadt. Das Willkommen der Bewohner ist warm und freundlich, wenn auch mit einem ganz eigenen Dialekt von trockenen, flachen Konsonanten. Und der bescheidene Stolz von Menschen, die ihre Stadt leise zu rühmen verstehen, bleibt jedenfalls in Erinnerung.

 

Hull ist mitten auf dem Weg der Veränderung: Viel hat sich schon getan, viel ist noch zu tun. Die Stadt beeindruckt durch Aufschwung und Wiedererwachen seiner maritimen Vergangenheit und Architektur. Ausgebaute Museen locken mit freiem Eintritt. Bars und Restaurants öffneten, in Geschäften klingeln die Kassen und Galerien florieren. Die Besucher werden gleichermaßen von Jazz, Salsa und Seemannsliedern angezogen, aber auch Ballett, Oper und Konzerte, Lesungen, Fußball, Eishockey und Rugby haben regen Zuspruch.

 

Zu erwähnen ist auch das vielfältige Essen: von Fisch und Chips bis zur Gourmet-Küche wird alles geboten.

 

Eines der touristischen Highlights in Hull ist „The Deep“ , das „Submarium“, ein Unterwassererlebnis erster Klasse. Designed von Sir Terry Farrell, ist es überirdisch eine Abstraktion aus Glas, farbigem Beton und Aluminium. Für Hull ist es ein architektonisches Wahrzeichen, ähnlich dem des Guggenheim Museums für Bilbao.

„The Deep“ ist Bildungs- und Forschungszentrum und Besucherattraktion in einem. Es erzählt die Geschichte der Ozeane der Welt, erklärt die Weltentstehung vom Urknall bis zum ersten Leben im Wasser und macht neugierig auf die künftige Erforschung der Tiefsee. Besonders interessant ist „Endless Oceans“ – das Zuhause von Südsee-Stachelrochen, Moränen-Aalen, 15 verschiedenen Hai-Arten, und Europas einzigem Paar grüner Sägefische – auch beschrieben als halb Hai, halb Kettensäge wegen seiner eigenartigen Maulform. Zu Ostern 2005 wird „The Deep“ seine Dämmerungszone eröffnen. Dort werden dann weitere seltene Meerestiere zu sehen sein, wie z.B. japanische Spinnenkrabben, Wolfsaale und pazifische Riesentintenfische.

Von „The Deep“ gelangt man in ein paar Schritten in die Altstadt, einen Stadtteil, in dem die Königliche Marine einst Quartier wohnte. Hier befindet sich heute Großbritanniens drittgrößter Seehafen. Hier wurden einst Schiffe gebaut, die auf hoher See in arktischen Gewässern auf Walfang unterwegs waren und die den Fisch für den heimischen Tisch nach Hause brachten. 41 verschiedene Fischskulpturen schuf Gordon Young, die in der Fußgänger-Promenade eingelassen sind. Sie zeigen, wie sehr die Geschichte der Stadt mit der des Fischfanges verwoben ist. Nebenbei bemerkt, ist es auch Kunst mit einem Augenzwinkern: Einen Aal, der einen elektrischen Stoß versetzen kann, findet man direkt über der unterirdischen Verteilerstation des Elektrizitätswerkes. Ein Hai wartet vor der lokalen Bank auf seine Beute...

 

Abends oder nachts sollte man es den Einheimischen gleichtun und den modernen, schicken Pubs einen Besuch abstatten. Auch und besonders, wenn es voll ist. Von einer lauschigen Ecke aus traditionelle Musik hören und ein Yorkshire Ale trinken – so schön kann Leben auf der Insel sein. Im „Ye Olde White Harte“, einem mit Eichenpanelen verzierten Pub mit verschwörerischer Note, ist es besonders geschichtsträchtig. Hier soll einst die Verschwörung gegen King Charles I. ihren Anfang genommen haben, ein Ereignis, das den Englischen Bürgerkrieg 1642 entflammt haben soll. Das Pub findet man auf dem „Hulls Ale Trail“, eine hoch frequentierte Strecke übrigens.

 

„Venn“ ist Hulls erstes Michelin-Stern-Restaurant und das beliebteste bei Europäern. In den Ledermöbeln und der sonst in Weiß gehaltenen Einrichtung fühlt man sich sofort wohl: Die Griechen mögen den starken Espresso, die Italiener den exzellenten Wein, andere kommen wegen der frisch gefangenen Jakobsmuscheln, dem gerösteten Hühnchen, dem Steinbutt mit Calamari, gefolgt von der Käseplatte und einer gepflegten Tasse Earl Grey serviert im Wedgwood Geschirr.

 

Nicht gerade groß ist zwar das Angebot der Nachtclubs, aber dafür bietet Hull eine belebte Kaffeehausszene mit Kaffeebars, Dachgärten und gestylten Gay-Clubs wie dem „Fuel“ und „Affinity“. Renommierte DJs heizen das Publikum erst richtig an, das dann im „The Lamp“ bei einheimischen Musikproduktionen wieder runter kommen kann. Live Irish Music und echtes Guinness kann man im „Durty Nellys“ genießen. Salsa und afrikanische Rhythmen serviert das „Pave“ auf der Princess Avenue und Sonntagsjazz gibt’s im Hull Truck Theater.

 

Es bieten sich von Hull überdies viele Ausflugsmöglichkeiten an. Mit dem Zug gen Osten fahrend, erreicht man lange Sandstrände, kann Vögel beobachten oder Beverley besuchen, um dort über alte Pflastersteinstraßen zu spazieren und Kunstgalerien und Boutiquen anzuschauen.

 

Es sei denn, man möchte doch einfach in Hull bleiben, um auszuspannen: Dafür gibt es einige gute Hotels und schöne B&Bs und oft viel zu wenig Zeit, um wirklich alles in Ruhe zu erleben.